„Einsamkeit unterwegs ist ein Thema für mich“ Die Digitale Nomadin Michelle Retzlaff im Interview

| 02. 05. 2017 | 0 Kommentare

Die 26-jährige Michelle Retzlaff hat als digitale Nomadin bereits einiges erreicht. Als freiberufliche Software-Entwicklerin und Gründerin eines WordPress-Services bereist sie seit einigen Jahren die Welt und taucht in die unterschiedlichsten Kulturen ein. Nebenbei managt sie ein vierköpfiges ortsunabhängiges Team und bemüht sich auch unterwegs um einen gesunden Lifestyle sowie eine gute Work-Life-Balance. Im Interview spricht die Digitale Nomadin über die Vorzüge und die Herausforderungen ihres ortsunabhängigen Lifestyles.

Digitale Nomadin Michelle Retzlaff am Laptop

Wie wurdest du Digitale Nomadin?

w&t/magazinMichelle, wie kam es dazu, dass du digitale Nomadin wurdest?

Michelle: Ich habe mich in meinem Job als Software-Entwicklerin vor allem nach zeitlicher und örtlicher Unabhängigkeit gesehnt. Die Vorstellung, an anderen Orten der Welt länger zu leben und selbst zu entscheiden, wann und wo ich arbeite, hat mich nicht mehr losgelassen.

Der Weg zum “Absprung” aus dem klassischen Arbeitsleben hat allerdings eine ganze Weile gedauert. Erster Auslöser war die Trennung meines damaligen Freundes, die ich zum Anlass für eine fünfmonatige Reise und Auszeit vom Job nahm. Kurz nach meiner Rückkehr habe ich dann endlich meinen Mut zusammengenommen und die Kündigung eingereicht – ohne konkrete Geschäftsidee. Ich habe darauf gesetzt, dass sich die schon noch ergeben wird. Geholfen haben mir bei der Entscheidung aber auch Ersparnisse und die Sicherheit, jederzeit wieder als Software-Entwicklerin arbeiten zu können.

w&t/magazin: Wie sieht dein Lifestyle momentan aus?

Michelle: Vermutlich nicht ansatzweise so aufregend, wie sich das viele vorstellen 🙂

Ich arbeite im Moment sehr viel an diversen Projekten. Gleichzeitig gelingt es mir aber immer besser, Sport, Yoga, Meditation und Erlebnisse in meinen Zeitplan zu integrieren. Ich habe zwar eine Homebase in Berlin, bin aber trotzdem oft mehrere Monate am Stück unterwegs.

Mein Alltag sieht dabei überall recht ähnlich aus: Ich arbeite sechs Tage die Woche zwischen vier und acht Stunden, mache fast jeden Tag Sport (Laufen oder Yoga) und meditiere. Wenn mir danach ist, mache ich mittags einen Spaziergang und esse auswärts. Am siebten Tag, normalerweise Sonntag, ist dann bis mindestens 14 Uhr arbeiten tabu (gar nicht so einfach!). Dann mache ich einfach mal gar nichts (heißt: lesen, Serien schauen, Klavier spielen), gehe spazieren oder besuche Veranstaltungen oder Sehenswürdigkeiten. Freunde treffe ich meist unter der Woche am Abend.

Immer öfter erlaube ich mir nun auch ein paar freie Tage am Stück für Ausflüge oder das Kennenlernen eines neuen Ortes.

Somit unterscheidet sich mein “Lifestyle” eigentlich kaum von dem eines ortsgebundenen Selbständigen. Nur, dass ich eben hin und wieder den Ort wechsele – was meiner Kreativität übrigens enorm auf die Sprünge hilft.

Digitale Nomadin Michelle Retzlaff: What would you do if you weren't afraid?

Digitales Nomadentum: Kann man davon überhaupt leben?

w&t/magazin: Womit verdienst du dein Geld und kannst du davon gut leben?

Michelle: Zum einen führe ich den WordPress Support Service HootProof.de. Dort helfen mein mittlerweile vierköpfiges Team und ich Online-Unternehmern bei der Lösung von technischen Problemen, kleineren Anpassungen oder der Umsetzung von größeren WordPress-Projekten. HootProof ist so gesehen mein Hauptbusiness, da ich hier am meisten in Sachen Unternehmertum und Team-Aufbau lerne. Im Moment beschäftige ich mich intensiv mit besserem Online-Marketing und wie wir als ortsunabhängiges Team besser zusammenarbeiten und -wachsen können.

Außerdem arbeite ich als freiberufliche Software-Entwicklerin an einem Internatsmanagementsystem für zwei deutsche Internate.

Davon kann ich gut leben, aber ich möchte mein Einkommen noch stabiler und unabhängiger von meiner eigenen Arbeitszeit gestalten. Und natürlich habe ich unzählige Ideen, wie das aussehen könnte und viel zu wenig Zeit, alle zu verfolgen.

w&t/magazin: Was fasziniert dich an dem ortsunabhängigen Lifestyle?

Michelle: Vor allem die Freiheit, meine eigenen Projekte zu verfolgen und selbst zu entscheiden, wann und woran ich arbeite. Ich muss unternehmerisch handeln, um mein Business voranzubringen und liebe die Herausforderung und wie ich daran persönlich wachse. Ich kann meine eigenen Werte und Wünsche in mein Unternehmen und Team bringen und mein Business nach meinem Lifestyle ausrichten, nicht andersherum.

Dass ich dabei von überall auf der Welt arbeiten kann, ist natürlich großartig. Nachdem ich nun fast zwei Jahre recht schnell und intensiv gereist bin, versuche ich aktuell länger an einem Ort zu verweilen. Die häufigen Ortswechsel fördern meine Kreativität und unternehmerischen Mut, machen aber andererseits das Aufrechterhalten eines gesunden Lebensstils zu einer echten Herausforderung.

„Die häufigen Ortswechsel fördern meine Kreativität und unternehmerischen Mut, machen aber andererseits das Aufrechterhalten eines gesunden Lebensstils zu einer echten Herausforderung.“

w&t/magazin: Was sind deine schönsten Erlebnisse und Erkenntnisse als Digitale Nomadin?

Es ist unglaublich, wie sehr sich mein Weltbild in den letzten zwei Jahren dieses Lebensstils verändert hat. Ich bin viel offener, flexibler und achtsamer geworden. Außerdem fühle mich viel selbstbewusster. Ich habe mehr Empathie gegenüber anderen Menschen (und mir selbst) und eine veränderte Sichtweise auf die Gemeinsamkeiten verschiedener Kulturen.

Digitale Nomadin Michelle Retzlaff am Strand

Foto: Sabine Egger

Seit ich selbstständig bin, habe ich das Gefühl, erst so richtig aufzublühen und als Mensch zu wachsen. Das kommt zum einen durch die Arbeit an meinem Business, das Reisen und dass ich dadurch immer wieder aus meiner Komfortzone heraus gehen muss.

Vor kurzem habe ich zum Beispiel einen knappen Monat in Israel verbracht, einem Land, indem es unglaublich viel über die Geschichte der Menschheit zu lernen gibt – von der Entstehung der Abrahamischen Religionen bis zum Nahostkonflikt. Ich sehe nun mehr als zuvor unsere Verantwortung als digitale Nomaden und Reisende, als “Weltenbürger” für Freiheit, Respekt und kulturellen Austausch einzustehen. Wir haben durch unsere Reisefreiheit und Reiseerfahrung eine ganz andere Perspektive auf die Welt und können dadurch – glaube ich – einen wertvollen Beitrag zur politischen und kulturellen Konfliktlösung leisten.

„Wir haben durch unsere Reisefreiheit und Reiseerfahrung eine ganz andere Perspektive auf die Welt und können dadurch einen wertvollen Beitrag zur politischen und kulturellen Konfliktlösung leisten.“

Die Herausforderungen einen digitalnomadischen Lebens

w&t/magazin: Gibt es auch Probleme, auf die du mit diesem Lifestyle gestoßen bist?

Michelle: Anfangs fiel es mir schwer, mich selbst zur Arbeit zu motivieren, hauptsächlich weil mir eben niemand mehr gesagt hat, woran ich konkret arbeiten soll. Es kann sehr schwer sein, ein Business zu starten, denn man arbeitet zunächst ins Leere, ohne direktes Feedback darüber, ob die aktuellen Aktionen sinnvoll oder effektiv sind.

Auch Einsamkeit “on the road” ist ein Thema für mich, das ich allerdings lange Zeit verdrängt und mit anderen Dingen übertönt habe. Aktuell beschäftige ich mich verstärkt damit.

Ich glaube, Einsamkeit ist ein unvermeidbarer Teil einer so massiven Lebensstil-Veränderung, mit der man sich aus seinem alten Umfeld löst. Das soll nicht heißen, dass man alle Kontakte abbrechen und Freundschaften kündigen muss. Aber es ist eine Chance für neue Beziehungen und Zeit mit sich selbst.

„Einsamkeit ist definitiv ein schwieriges Thema, über das viel zu wenig gesprochen wird. Es ist fast schon ein Tabu, das kaum jemand zugeben mag.“ 

Ich persönlich verbringe extrem viel Zeit alleine und fühle mich gut damit. Dennoch sind mir tiefe Freundschaften wichtig und ich habe in den letzten Monaten gemerkt, dass mir regelmäßige persönliche Kontakte fehlen. Kontakte zu anderen digitalen Nomaden bleiben oft oberflächlich, und es scheint fast schon ein No-Go zu sein, gemeinsam das nächste Reiseziel zu planen.

Die schönsten Kontakte sind für mich bei zwei DNX Camps entstanden sowie im KoHub in Thailand, wo es eine enge und relativ stabile Community von digitalen Nomaden gibt. Auch der Dynamite Circle und die DNX Community bei Facebook sind tolle Ansatzpunkte für neue, bedeutungsvolle Kontakte.

In meinem Business war ich lange Zeit überzeugt, dass ich allein die Kontrolle behalten müsste. Dank gewachsener Erfahrung und eines Business Coaches bin ich heute anderer Meinung und baue ein “echtes”, ortsunabhängiges Team auf, auf das ich mich verlassen kann und mit dem es Spaß macht, zusammenzuarbeiten.

Einsamkeit ist definitiv ein schwieriges Thema, über das viel zu wenig gesprochen wird. Es ist fast schon ein Tabu, das kaum jemand zugeben mag. Ich hoffe, dass ich mit diesen Worten einen ersten Schritt in Richtung Besserung mache.

Die beste Destination für Digitale Nomaden

w&t/magazin: Was ist für dich die beste Destination für Digitale Nomaden, wo du selbst auch schon Zeit verbracht hast?

Michelle: Das kommt ganz auf den persönlichen Geschmack an. Ich liebe viele der Orte, die ich bereits besucht habe und kann mich kaum für eine Handvoll Favoriten entscheiden. Australien und Neuseeland stehen sehr weit oben auf der Liste, aber ich vermisse auch Thailand, Bali, London und New York. Definitiv möchte ich mehr Zeit am Meer verbringen!

Digitale Nomaden in Australien

Michelles Zukunftspläne

w&t/magazin: Wo siehst du dich in fünf Jahren? Willst du dauerhaft als digitale Nomadin leben oder dich irgendwo niederlassen?

Michelle: Ich sehe das weniger als Entweder-Oder-Entscheidung. Seit einem halben Jahr habe ich wieder eine eigene Wohnung in Berlin, bin aber trotzdem kaum vor Ort. Ich möchte dauerhaft die Freiheit haben, viel zu reisen und mehrere Wochen am Stück an anderen Orten zu verbringen. Gleichzeitig möchte ich aber auch mindestens eine Homebase mit einem sozialen Netzwerk und einer gewohnten Infrastruktur. Ich glaube, das wird mittelfristig nicht Berlin sein. Ich liebäugele da gerade mit verschiedenen Orten, z.B. Melbourne und Barcelona.

Tipps für angehende Digitale Nomaden

w&t/magazin: Was ist dein wichtigster Tipp für angehende digitale Nomaden?

Michelle: Es ist alles eine Frage der Prioritäten. Der Begriff “digitale Nomaden” ist eben nur ein Begriff – du musst ihn selbst mit Leben füllen. Das Schöne an dem Konzept ist ja, dass du dir dein Leben nach deinen eigenen Wünschen und Prioritäten gestaltest – bezüglich deiner Arbeit, Aktivitäten, Lebensmittelpunkt. Damit anzufangen, ist dabei gar nicht so schwer – einfach den ersten Schritt machen und immer wieder anpassen. Sieh es als eine große persönliche Reise und Herausforderung. Du wirst unglaublich viel lernen und erleben dabei!

Vielen Dank für das spannende Interview, Michelle!

 

Du willst mehr über Michelle und ihren Lifestyle erfahren?

digitale nomadin Michelle am Strand

>> Michelles persönliche Website: michelleretzlaff.com

>> Michelles WordPress Service HootProof

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Julia Schneider

Über den Autor ()

Julia Schneider ist seit ihrem einjährigen Work & Travel-Aufenthalt in Australien direkt nach dem Abitur mit dem Reisevirus infiziert. Deshalb studierte sie Tourismus-Management in den Niederlanden sowie Kulturwissenschaften an der Viadrina in Frankfurt/Oder und Madrid. Sowohl während des Studiums als auch danach nutzte Julia jede Gelegenheit, neue Länder, Kulturen und Sprachen zu entdecken. Am liebsten ist sie in Südamerika und Osteuropa unterwegs. Seit 2012 arbeitet sie ortsunabhängig als freie Texterin, Online-Redakteurin und Journalistin. Ihre Schwerpunkthemen sind Reisen, Arbeiten & Leben im Ausland, digitale Nomaden und Nachhaltigkeit. Auf ihrem persönlichen Blog und Herzensprojekt www.roadheart.com schreibt sie am liebsten über Selbstverwirklichung und persönliche Entwicklung, die innere Stimme / Intuition, bodenständig gelebte Spiritualität und einen bewussten Lifestyle.

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