Reiseblogger oder digitaler Nomade? Interview mit Chris Wilpert

| 27. 10. 2015 | 6 Kommentare

Einmal um die Welt reisen – davon träumen viele. Chris Wilpert (29) hat sich diesen Traum erfüllt: 457 Tage lang war er unterwegs, vor allem in Asien und Südamerika, auf seinem Blog globesurfer.de berichtete er regelmäßig über Vorbereitungen, Reiserouten, Orte und Menschen. Uns vom Work and Travel/magazin verrät Chris nun im Interview spannende (sowie intime) Details über seine Reise und gibt Innenansichten aus dem Leben als „digitaler Nomade“. Außerdem spricht mit unserem Redakteur Christian über die Situation in der wachsenden Reiseblogger-Szene und gibt hilfreiche Tipps für alle, die selbst unabhängig von Zeit und Ort arbeiten möchten.

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Als Blogger auf Weltreise

Work and Travel/magazin: Chris, man kann sagen, dass du auf deiner Weltreise eine Menge gesehen hast – ganz spontan: Was waren die Highlights?
Chris Wilpert: Ohne lange nachzudenken sind es die Gesamtheit meiner Erfahrungen während der Weltreise. Etwas detaillierte würde ich die menschliche Nähe in Südamerika, Couchsurfing und Kultur in Indien hervorheben. Wenn du mich aber nach ganz konkreten Erlebnissen fragst, dann muss ich die Bergbesteigung von Huayna Potosi (6088m), meine 5-Tages-Tour im Amazonas und meine Pause als Volunteer in Indonesien (Lehrer für English und Schauspiel) nennen.

wat/mag:  Was war nicht so schön, bzw. wo hat es dir eher nicht so gut gefallen?
Chris: Eigentlich schätze ich die negativen Ereignisse sehr, da man daran wächst und vor allem viel über sich selbst lernen kann. Ich hätte aber durchaus auf einige Verletzungen (u.a. eine Kopfwunde in den USA und eine Narbe aus Laos) verzichten können.

wat/mag: Und die verrückteste Geschichte, die dir passiert ist?
Chris: Da fallen mir spontan zwei Sachen ein: Eine ist auch etwas peinlich … ich habe aus Versehen mit einem Ladyboy in Ecuador geknutscht. Am nächsten Tag hat mich meine Couchsurferin darauf angesprochen und mir gesagt, dass er/sie ein Ladyboy ist … ich habe sicher nichts gegen ihn/sie, aber man fühlt sich dann schon ein bisschen komisch. Die andere Geschichte auf Gili: Ich habe dort einen Einheimischen kennen gelernt mit dem ich mich gut verstanden habe. Nun ja, er war eigentlich eher scharf auf meine Reisebegleitung, aber wir haben uns trotzdem gut verstanden. Er hat mir angeboten mich mit in sein Dorf zu nehmen, wo es keine Touristen gibt. Ich war 3 Tage da und hatte mit Menschen, die kein einziges Wort von mir verstanden haben extrem viel Spaß. Auch die Erfahrung in so einem Haus auf dem Teppich zu schlafen hat mich persönlich mal wieder auf den Boden der Tatsachen in der Welt geholt.

wat/mag:  Inwiefern hat dich die Weltreise verändert?
Chris: Ich habe mich sowohl äißerlich als auch innerlich sehr verändert. Wenn ich mir Fotos vom Beginn der Weltreise anschaue, dann schau ich aus wie ein Junge … nach der Weltreise sehe ich etwas „alt“ aus. Ich wähle bewusst nicht reif, weil mich es erst etwas gestört hat. Ich stelle die These auf, dass Menschen, die viel Verantwortung tragen oder grundsätzlich einen doch eher stressigen Tag durchleben, schneller älter aussehen. Als Beispiel nenne ich gern die deutsche Fußball-Nationalmannschaft: Sieht da etwa nur einer der Buben noch seinem Alter entsprechend aus? Wie gesagt bin ich aber auch in meiner Persönlichkeit gewachsen, habe meine Stärken weiter ausgebaut und akzeptiere meine Schwächen. Ich bin Buddhist und finde, dass man nicht immer an seinen Schwächen arbeiten, sondern sie einfach mal so hinnehmen sollte.

Digitale Nomade Chris Wilpert

wat/mag: Von deinen Erlebnissen hast du ja ausführlich auf deinem Blog berichtet, und hast nun auch noch ein relativ neues Online-Projekt…
Chris: Es soll ein Informationsportal von Backpacker für Backpacker werden und heißt backpacker-reise.de. Ich will über andere Länder schreiben und informieren. Leider bin ich nicht wirklich mit dem Talent gesegnet  meine geilen Storys gut auf Papier zu bringen, daher eher was in der Richtung. Dabei will ich mit von dem doch eher kommerziellen Lonely Planet differenzieren. Ich möchte aber auch nicht so sachlich wie auf Wiki-Travel werden. Das Ziel ist Backpacker Informationen über jedes Land zu haben. Das gilt für Budget, Reiserouten, Unterkünfte, Essen & Trinken, Trips, Allgemeine Tipps, Attraktionen, Highlights und Visum & Impfungen. Dabei bin ich auf erfahrene Backpacker, gute Recherche und Hilfe angewiesen. Unter anderem arbeite ich mit einem anderen Langzeit-Backpacker und hoffe, dass sich noch mehr daran beteiligen. Wie sich das ganze finanzieren soll weiß ich noch nicht. Im Moment zahle ich alles aus eigener Tasche. Vielleicht kommt noch eine Crowdfunding Kampagne. Ich lade jeden ein sich in irgendeiner Art und Weise daran zu beteiligen!

Blogger und/oder digitaler Nomade!?

wat/mag: Du bezeichnest dich selbst als Reiseblogger, bist aber ja gleichzeitig auch das, was man als „digitaler Nomade“ bezeichnet. Oder sehe ich das falsch?
Chris: Jein. Ich bin mit Sicherheit ein Reiseblogger. So darf sich nach meiner Meinung auch jeder nennen, der über das Reisen bloggt. Im Moment bin ich per Definition zwar digitaler Nomade, weil ich ortsunabhängig arbeite, aber aus meiner Perspektive ist ein digitaler Nomade noch mehr unterwegs als ich es im Moment bin. Das liegt an gesundheitlichen und organisatorischen Hürden, die ich erst noch meistern muss. Im Moment lebe ich in London und arbeite meist von zu Hause aus.

„Ich bin mit Sicherheit ein Reiseblogger.

So darf sich nach meiner Meinung auch jeder

nennen, der über das Reisen bloggt.“

wat/mag: Es ist ja nicht immer allen ganz klar, was das eine oder das andere ist, die Begriffe werden oft synonym benutzt … kannst du den Unterschied für unsere Leser in wenigen Sätzen erklären?
Chris: Gut, dass du fragst… wenn jemand hauptberuflich Reiseblogger ist, dann ist er für mich auch ein digitaler Nomade, weil er eben ortsunabhängig arbeiten kann. In Deutschland kenne ich aber nur eine Hand voll Reiseblogger, die wirklich ausschließlich von Ihrem Reiseblog leben. Das kann ich auch nicht, auch wenn ich mit 500 bis 800 Euro im Monat durchaus fast davon leben könnte. Die Einnahmen sind aber stark schwankend und letztendlich bin ich mit meinem Blog sehr Google-abhängig, weil die meisten Besucher von dort kommen. Wenn Google irgendwann sagt, dass was mit meinem Reiseblog was nicht stimmt, dann kommen keine Besucher mehr und auch das Interesse von Unternehmen sinkt. Viele verwechseln die Definition von einem digitalen Nomaden mit dem Lifestyle, der so oft beworben wird… Reisen & Arbeiten, das Leben genießen und sich mit einem Reiseblog finanzieren … Fakt ist, dass die meisten, die das bewerben, nicht von Ihrem Reiseblog leben, sondern von Produkten oder Dienstleistungen, die sie anbieten.

Kann man davon leben?

wat/mag:  Ich beobachte die stetig wachsende Reiseblogger-Szene ein wenig und muss sagen, dass ich mich bei diesen vielen, oft an Heilsversprechen grenzenden Werbungen für Reiseblogger-Kurse und -Coachings mittlerweile frage: Werden da nicht auch Illusionen verkauft? Und merken einige Leute vielleicht (zu) spät, dass man nicht einfach einen Blog aufsetzen und losreisen kann? Wie siehst du das?
Chris: Es gibt einige digitale Nomaden, die durch Ihre Blogs bekannt und erfolgreich geworden sind. Jeder von Ihnen war in einem bestimmten Bereich ein Pioneer oder hat mit ganz eigenen Skills sein Business zum Erfolg gebracht. Sich sein Wissen mit Coachings etc. vergolden zu lassen, kann ich grundsätzlich niemandem verübeln, trotzdem sehe ich die Entwicklung kritisch. Dabei gibt es für mich zwei Schuldige: Zum einen die Coaches, die nicht genug betonen, dass jeder seinen eigene Idee/Nische finden muss, und zum anderen die Neulinge, die glauben auf eine goldene „CashCow“ hinzuarbeiten. Tut mir Leid wenn ich das mal so direkt sage, aber die meisten haben gar nicht das Zeug dazu als Reiseblogger erfolgreich zu sein! Da gehört nicht nur fundamentales wirtschaftliches Wissen dazu, sondern auch richtig harte Arbeit und vor allem ein extrem langer Atem. Denn bevor man wirklich davon leben kann, vergehen locker zwei Jahre.

„…die meisten haben gar nicht das Zeug dazu,

als Reiseblogger erfolgreich zu sein!“

Es gibt kaum noch ein Reiseblog ohne Kreditkarten-Werbung. Klar, dass es immer wieder neue Backpacker und Reisende geben wird, aber da springt nicht mehr viel bei raus, wenn jeder das hat und ich hunderte von Blogs finde, die die gleiche Kreditkarte empfehlen … ein Blog reicht nicht mehr aus! eBooks sind jetzt voll in und jetzt fängt jeder an eins zu schreiben … nachdem das aber nicht den erwünschten Erfolg hat, weil das Netzwerk oder Leser fehlen, wird aber auch das kostenlos vergeben um wenigstens eine eMail-Afdresse für den Newsletter zu erhalten. Ich bin da eher „oldschool“: Wer Bock hat auf ein Reiseblog soll es machen, aber bitte nicht mit dem Ziel, damit Geld zu verdienen. Ich hab’s so gemacht und wusste am Ende gar nicht, dass man damit wirklich was verdienen kann. Das war aber auch im Jahr 2012!

wat/mag: Wenn ich mich dazu entscheide, den Weg des Reisebloggers zu gehen, welche Fähigkeiten sollte ich mitbringen und worauf sollte ich unbedingt achten?
Chris: Ich würde die Frage eher so formulieren: “Was braucht man, um ein erfolgreicher Reiseblogger zu werden?”. Nun, irgendwas solltest du schon können! Bist du ein IT Nerd wie ich? Dann wird dir die Arbeit an WordPress Spaß machen! WordPress Themes, ein wenig Programmierung und die Vielfalt an Plugins  ermöglichen es, quasi jede Idee umzusetzen. Andere haben ein großes Netzwerk oder sind einfach verdammt beliebt und haben sicher gute Chancen, über Social Media-Kanäle erfolgreich zu werden. Wenn du eher der Storyteller bist, dann konzentriere dich darauf. Und Geeks, die Zahlen und Algorithmen lieben, können mit SEO (Suchmaschinenoptimierung, Anm. der Redaktion) erfolgreich sein. Wichtig ist nur, dass du in mindestens eines der Dinge gut bist, die du zum Bloggen brauchst. Den Rest kannst du dir selbst beibringen oder dir von anderen helfen lassen. Ich zum Beispiel bin Reiseblogger mit einer Rechtschreibschwäche und eher der Info-Typ statt Story Teller. Ich komme aus dem IT Bereich und finde WordPress und SEO extrem faszinieren. Ich glaube, nur durch SEO wurde ich letztendlich auch bekannt. Mit Social Media werde ich nicht richtig warm und irgendwie mag mich auch nicht jeder. Immerhin lass ich jetzt schon wichtige Texte vorher noch einmal kontrollieren.

Mein Tipp? Ganz ehrlich?

Werde bitte kein Reiseblogger!

wat/mag:  Und welche Jobs bzw. Fähigkeiten haben/sind die idealen Voraussetzungen für das Leben als digitale Nomade?
Chris: Mein Tipp – ganz ehrlich? Werde bitte kein Reiseblogger! Ich bin sicher du hast andere Talente, die viel wertvoller sind. Ich wäre so gerne Vollzeitblogger, aber ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich anderes einfach besser kann und damit einfach mehr Geld verdiene. Warum also etwas erzwingen? Werde dir deiner Stärken bewusst und wenn du das Leben als digitaler Nomade anstrebst, dann such dir etwas, was du von überall aus machen kannst. Du kannst ja auch als Kellner die ganze Welt bereisen und arbeiten, aber das wird verdammt hart. Ich werde als digitaler Nomade entweder IT-Consultant oder SEO-Berater. Mein Reiseblog oder andere Projekte laufen nur nebenbei. Beliebt sind Programmierer, Webdesigner, Social Media Manager, Berater in allen Formen und Arten, Texter, Virtual Assistent oder ein Online Business wie Shops, Affiliate, Reseller und Co.

Chris Wilpert auf Weltreise

wat/mag:  Welche Tipps hast du ansonsten noch für all diejenigen, die sich dem Traum einer Weltreise und/oder des ortsunabhängigen Arbeitens erfüllen wollen?
Chris: Als sehr pragmatische Person empfehle ich eine gute Planung. Für eine Weltreise brauchst man zwei Dinge: Geld und Zeit. Wenn man das Geld nicht hat, kann man sich etwas leihen oder darauf sparen. Sparen sollte man sowieso können, sonst bekommt man als Reiseblogger bzw. digitale Nomade schnell Probleme. Das andere ist die Zeit: In einem Arbeitsverhältnis spricht man da einfach mal seinen Chef an: das „Sabbatical“ bzw. das „Sabbatjahr“ sollte heute jedem ein Begriff sein. Wenn man nicht gerade über 40 und/oder extrem ängstlich hinsichtlich der Zukunft , dann ist die Kündigung immer eine Option. Ansonsten – aus meinem tiefsten Inneren: Beweg deinen Arsch! Du verpasst die Chance deines Lebens, wenn du so eine Weltreise immer wieder aufschiebst und immer sagst… Ja ich will, Ja ich will! Nicht immer nur sagen – machen!

wat/mag:  Und wie geht es bei Dir weiter? Welche Projekte stehen bei dir an, welche Länder möchtest  du als nächstes bereisen?
Chris: Erstmal will ich den Ball flach halten. Ich rede auch seit 3 Jahren, dass ich endlich wieder los will, hatte aber zuletzt einige gesundheitliche Probleme Aber im nächsten Jahr wird wieder aufgedreht! In erster Linie will ich Backpacker-Reise.de voranbringen. Es wird auch einige Änderungen für meinen Weltreise-Blog geben. Ich habe noch ein Backpacker Projekt im Petto, aber das ist leider so groß, dass ich es vor einem Jahr erstmal auf Eis gelegt habe. Manchmal nimmt man sich auch zu viel vor… im Moment will ich meinen Arbeitgeber glücklich machen und dann als Digitaler Nomade wieder losziehen!

wat/mag:  Chris, wir danken dir für dieses Gespräch!
Chris: Ich danke euch für die Gelegenheit, frei heraus über die Chancen und Risiken beim Thema Reisebloggen / Digitales Nomadentum berichten zu können. Noch einmal zusammengefasst: Ja, du kannst alles erreichen, was du willst, auch als Reiseblogger. Aber hinterfrage dich und dein Vorhaben immer und zu jederzeit, und finde dein Ding!

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Viele spannende Artikel von Chris findet ihr auf seinem Weltreise-Blog:

>> globesurfer.de

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Kategorie: Allgemein, Berichte & Interviews, Blogger

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Über den Autor ()

Christian Rhode reiste bereits als Kind gemeinsam mit seinen Eltern viel in Europa, wobei der Grundstein für seine Faszination an fremden Ländern und Kulturen gelegt wurde. Nach einer längeren Reisepause hat ihn dann vor einigen Jahren wieder das Fernweh gepackt und bis heute nicht losgelassen. Ein längerer Aufenthalt in Chile begründete seine Leidenschaft für Lateinamerika, wohin es ihn (nach eigener Aussage) wahrscheinlich noch sehr häufig verschlagen wird. Weitere geplante Ziele sind Schottland, Irland, Nepal, Ruanda/Uganda … die Liste ist lang. Christian hat eine Ausbildung zum Speditionskaufmann absolviert , danach u.a. in England gearbeitet, später das Abitur im zweiten Bildungsweg nachgeholt und Kommunikationswissenschaften, Soziologie sowie Politikwissenschaften in Münster (Westfalen) studiert. Durch seine Funktion als Redaktionsleiter bei der INITIATIVE auslandszeit kann er sich auch beruflich jeden Tag mit den Themen Ausland(saufenthalt) und Reisen beschäftigen. Weitere Tags zu Christian: Musik, Bücher, Filme, Radsport und Werder Bremen.

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