Work and Travel statt Wirtschaftskrise Alejandro aus Spanien über sein Kanada-Abenteuer

| 21. 07. 2015 | 2 Kommentare
Work and Travel Tofino

Alejandro (r.) mit Freunden an der Tofino Brewery

Raus aus der Euro-Krise, rein ins Abenteuer. Auch wenn für den Spanier Alejandro die wirtschaftliche Situation in der Heimat nicht der ausschlaggebende Punkt war, so hat es, wie er selber sagt, doch eine Rolle bei seiner Entscheidung Work and Travel in Kanada zu machen gespielt. Statt sich daheim auf die anstrengende und oft erfolglose Jobsuche zu begeben, hat sich der 31-jährige Informatiker aus Murcia auf den Weg nach Kanada gemacht. In Tofino, der Surferhochburg an der malerischen Westküste, hat er nicht nur neue Fähigkeiten erlernt und Freundschaften geschlossen, sondern auch seinen ganz persönlichen Happy Place gefunden. Was diesen ausmacht, wie sich seine Jobsuche gestaltet hat und was seine Eindrücke als etwas älterer Work and Traveller sind, hat er unserem Mitarbeiter Philipp vor Ort geschildert.

 

w&t/magazin: Alejandro, aktuell befindest du Dich hier in Tofino mit dem Working Holiday Visum. Erzähle uns bitte ein bisschen etwas zu deinem Hintergrund. Was genau hast du vorher daheim in Spanien gemacht?

Alejandro: In Spanien habe ich Computer Science, also Informatik studiert. Ich habe dann ziemlich direkt nach der Uni als Programmierer gearbeitet. Allerdings wurde ich nach weniger als einem Jahr entlassen weil das Unternehmen nicht mehr genug Aufträge hatte. Der Job hatte mich aber eh ziemlich schnell gelangweilt, von daher war das zu dem Zeitpunkt für mich in Ordnung. Ich bin danach einige Monate durch Mittelamerika gereist und nach kurzem Zwischenstopp in der Heimat, hier nach Kanada gekommen.

 

Work and Travel Banff

In der Nähe des Minnewanka Lake in Banff

w&t/magazin: Was hat dich letztendlich dazu bewegt nach Kanada und ganz speziell hier nach Tofino zu kommen?

Alejandro: Ein Grund war sicherlich meine Schwester, die sich zufälligerweise auch gerade auf einem Work and Travel Trip in Kanada befand. Sie wohnte in Vancouver und ich dachte mir, dass das den Start in jedem Fall einfacher machen würde. So hatte ich eine erste Anlaufstation und auch eine Unterkunft. Generell wusste ich auch, dass die Jobsuche in Kanada sehr einfach ist. Von daher war das Working Holiday Visum eine sehr spannende Gelegenheit für mich. Meine ersten Monate habe ich wie gesagt in Vancouver verbracht, was mir aber nicht ganz so gut gefallen hat. Vielleicht lag es einfach daran, dass Ich nicht der typische Stadt-Mensch bin. Ein Freund von mir hatte mich dann nach Tofino eingeladen. Er schwärmte ziemlich und meinte ich müsse unbedingt kommen, es gäbe nicht besseres. Nach einem kurzen Besuch war ich dann auch direkt überzeugt und habe schnell meine Koffer gepackt. So bin ich letztendlich hier in Tofino gelandet.

 

w&t/magazin: Die Euro-Krise hat auch Spanien ziemlich hart getroffen. War vielleicht auch das ein Grund für dich nach Kanada zu kommen?

Alejandro: Es war kein Hauptgrund für meinen Entschluss nach Kanada zu kommen, aber es hat sicherlich auch eine Rolle gespielt. In Spanien ist es aktuell und auch generell einfach sehr schwer einen Job zu finden. Im Vergleich dazu ist es hier sehr einfach und pragmatisch. In Verbindung mit dem Working Holiday Visum habe ich das Ganze als einmalige Chance Geld zu verdienen und gleichzeitig zu reisen gesehen. Die Entscheidung für Kanada ist mir also ziemlich leicht gefallen.

 

Lonce Cone Tofino

Auf dem Gipfel des Lone Cone mit Blick auf Tofino

w&t/magazin: Mit 31 bist du wahrscheinlich etwas älter als der typische Work and Traveller? War das für dich jemals ein Thema oder spielt das Alter für dich keine Rolle?

Alejandro: Auf den ersten Blick mag man denken, dass Work and Travel tatsächlich nur etwas für junge Menschen ist. Aber auch wenn man ein wenig älter ist, ist das Ganze eine einzigartige Chance. Man bekommt die Möglichkeit noch einmal etwas anderes kennenzulernen und eine Auszeit zu nehmen. Außerdem hat man hier vor Ort oft ganz andere Möglichkeiten als jemand, der vielleicht gerade von der Schule kommt. Man hat Zugang zu ganz anderen Jobmöglichkeiten, die ein gewisses Level an Erfahrung, und sei es nur Lebenserfahrung, voraussetzen. Ich glaube auch, dass man von den hiesigen Arbeitgebern mit etwas höherem Alter  als eher verlässlich und ruhiger wahrgenommen wird. Von daher spielt das Alter, zumindest für mich, keine wirklich große Rolle.

 

Middle Beach Tofino

Ausblick vom Arbeitsplatz

w&t/magazin: Seit Mai arbeitest du jetzt hier in Tofino an der Westküste. Wo genau arbeitest du und was genau machst du?

Alejandro: Ich arbeite in der Middle Beach Lodge, einem mittelgroßem Hotel direkt am Strand, ca. 2,5 Kilometer von Tofino entfernt. Ich mache hier sozusagen zwei Jobs. Morgens helfe ich in der Küche und serviere das Frühstück. Ich starte meist um 07:30 und das Ganze geht dann bis ca. 12 Uhr. Kaffee ausschenken, das Buffet betreuen und so weiter. Danach arbeite ich dann im Housekeeping-Bereich. Das beinhaltet zum Beispiel das Reinigen unseres großen Gemeinschaftsraumes, Wischen, Saugen und alles was sonst noch anfällt. Feierabend habe ich dann meist gegen 3 Uhr Nachmittags.

 

w&t/magazin: Hattest du vorher bereits Erfahrung in diesem Bereich oder ist das etwas völlig Neues für dich?

Alejandro: Nein, ich hatte keine Erfahrung und habe auch zuvor noch nie im Bereich Hotellerie oder Gastronomie gearbeitet. Aber um ehrlich zu sein, brauchst du das auch nicht. Den Job kann jeder machen würde ich sagen. Du wirst hier quasi „on-the-job“ eingearbeitet und damit hat es sich dann. Alles kein Problem.

 

Peyto Lake Alberta

Alejandro mit Freundin am Peyto Lake, Alberta

w&t/magazin: Was für Fähigkeiten muss man deiner Meinung nach für Arbeit wie du sie machst mitbringen?

Alejandro: Wie gesagt, Erfahrung ist nicht wirklich notwendig. Von daher braucht man diesbezüglich keine Bedenken haben. Man sollte allerdings motiviert sein und hart arbeiten können. Was die Kanadier gar nicht gerne sehen ist Faulheit. Wenn man faul ist und nicht mit anpackt, dann hat man ziemlich schnell ein Problem. Alles andere aber kommt von selbst. Man kann auch immer fragen, denn die Kanadier sind wirklich sehr hilfsbereit und erklären einem gerne wie die Dinge funktionieren. Wenn man dazu noch offen, zugänglich und entspannt ist, sollte das Ganze sehr gut funktionieren.

 

w&t/magazin: Bist du der einzige Work and Traveller oder gibt es neben dir noch andere in der Lodge?

Alejandro: Neben mir gibt es noch zwei Deutsche und zwei Japaner die ebenfalls auf dem Working Holiday Visa hier sind. Einer der Deutschen arbeitet auf dem angegliederten Campingplatz und die anderen ebenfalls im Housekeeping.

 

Work and Travel Canada Day

Happy People. Mit Freunden am Canada Day

w&t/magazin: Du hast zuvor in Vancouver gearbeitet. Was hast du dort gemacht und wie war das im Vergleich zu deiner Arbeit und deinem Leben hier in Tofino?

Alejandro: In Vancouver habe ich insgesamt 3 Monate in einem mexikanischen Restaurant gearbeitet. Im Vergleich zu der Arbeit hier in der Lodge war das sehr stressig. Gut war jedoch, dass ich gelernt habe in einer professionellen Restaurantküche zu arbeiten. Das ist definitiv eine wertvolle Erfahrung, die mir vielleicht auch nochmal von Nutzen sein kann. Das ist vielleicht auch generell ein Vorteil beim Work and Travel in Kanada. Man hat die Chance einmal etwas völlig anderes zu machen und neue Fähigkeiten zu erlernen. Dinge, für die man daheim wahrscheinlich nie die Gelegenheit bekommen würde.
Gefühlt hatte ich in Vancouver weniger Zeit für mich und es war eher hektisch, allein durch das Pendeln zur Arbeit. Hier in Tofino ist das Leben entspannter. Ich bin in 3 Minuten bei der Arbeit, sehe jeden Tag das Meer und bin gut drauf. Generell finde ich die Menschen hier auch weitaus relaxter und zufriedener. Das macht schon viel aus finde ich.

 

w&t/magazin: Hattest du bereits alles von zu Hause arrangiert oder bist du erst hier vor Ort auf Jobsuche gegangen?

Alejandro: Außer meinem Visum und meinem Flug hatte ich rein gar nichts arrangiert. Gut war natürlich, dass ich direkt bei meiner Schwester unterkommen konnte. Aber auch ohne diesen Vorteil hätte das alles gut geklappt. Es gibt hier genügend Hostels, die man als erste Anlaufstelle nutzen kann. Erst vor Ort habe ich mich dann auf Jobsuche begeben.

 

Kayaking Meares Island

Kayaking in der Nähe von Meares Island

w&t/magazin: Wie bist du dann letztendlich an deine Jobs gekommen und wie bist du die Jobsuche angegangen?

Alejandro: In Vancouver läuft fast alles über Craigslist. Ich habe mir entsprechende Angebote auf der Webseite herausgesucht und eine Nachricht gesendet. Die Leute rufen einen dann ziemlich schnell an und von da an kann es dann sehr schnell gehen. Ich hatte einen Probetag im Restaurant und danach direkt die Anstellung. Das Ganze hat weniger als eine Woche gedauert. In Spanien, wie auch wahrscheinlich in ganz Europa, wäre so etwas unvorstellbar.
In Tofino läuft es etwas anders. Hier ist es am besten, man druckt sich seinen Lebenslauf aus und stellt sich direkt und persönlich vor. Spontan und ohne Termin. Ich habe insgesamt einen ganzen Tag dafür investiert, habe mich bei fast allen Resorts hier vorgestellt, und erneut hatte ich innerhalb von nur einer Woche einen Job. In den Touristengebieten ist es allerdings auch wichtig zum richtigen Zeitpunkt zu erscheinen. Am besten kurz vor Beginn der Hauptsaison. Hier ist das ca. April / Mai. Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Jobsuche ist die so genannte Staff Accomodation, also die Möglichkeit über den Arbeitgeber Wohnraum zu finden. Ohne das wird es in Tofino sehr schwierig.

 

Icelands Parkway

Roadtrip auf dem Icelands Parkway

w&t/magazin: Du hast jetzt Erfarhung in zwei Jobs gesammelt und bist auch schon eine Zeit lang in Kanada. Wie gestaltet sich aus deiner Sicht das Leben und Arbeiten in Kanada im Vergleich zu Spanien?

Alejandro: Es ist hier einfach sehr einfach einen Job zu finden. Man benötigt nicht wirklich Erfahrung, zumindest für die Jobs in der Gastronomie und Hotellerie. Die Leute geben einem viel schneller eine Chance. Man kann sich bewähren und wenn man seine Sache gut macht, dann passt es. Das ist in Spanien ganz anders. Sogar einfache Jobs zu bekommen stellt sich daheim relativ kompliziert dar. Dadurch ist hier alles viel flexibler und dynamischer. Das mag ich sehr. Zudem wird man absolut fair bezahlt. Wenn man 7 Stunden arbeitet, wird man auch für 7 Stunden bezahlt. Arbeitet man Überstunden, bekommt man auch diese bezahlt. In Spanien wird man diesbezüglich sehr gerne ausgenutzt und übervorteilt.

 

w&t/magazin: British Columbia und besonders Tofino gelten als sehr teuer. Wo liegt der ungefähre Lohn für einen Job wie Du ihn machst? Kommst du damit gut aus?

Alejandro: Ich verdiene hier 12$ pro Stunde was natürlich erst einmal nicht so viel ist. Hinzu kommt aber noch die vergünstigte Staff Accomodation, was definitiv einen Unterschied macht. Generell würde ich aber sagen, dass Kanada nicht unbedingt das Land ist, in dem man gut ansparen kann. Dafür sind die Lebenshaltungskosten einfach zu hoch. Aber es reicht aus um hier zu leben, Spaß zu haben und auch zu reisen. Von daher passt es für mich.

 

Tofino Nets

Secret Spot in Tofino

w&t/magazin: Was wären deine wichtigsten Tipps für jemanden der auch Work and Travel in Kanada machen möchte?

Alejandro: Ich würde sagen einfach keine Angst zu haben. Auch wenn man wenig Erfahrung hat und vielleicht auch noch nicht gut Englisch spricht. Ich kenne hier Leute, die wirklich nur ansatzweise Englisch sprechen und trotzdem schnell einen Job bekommen haben und hier nun eine tolle Zeit verbringen. Einfach ein Herz fassen, einfach machen und und keine Angst haben. Jeder ist hier sehr hilfsbereit. Zudem würde ich empfehlen nicht die ganze Zeit an einem Ort zu bleiben. Kanada ist ein großes Land und es gibt hier viel zu entdecken. Die Chance sollte man auf jeden Fall nutzen.

 

w&t/magazin: Was ist aus deiner Sicht das Hauptargument, das für Tofino spricht?

Alejandro: Man ist hier einfach mitten drin in der Natur und umgeben von Wildnis. Man sieht viele Tiere, lebt am Meer und kann jederzeit etwas Neues entdecken. Einfach typisch Kanada. Was auch für Tofino spricht, ist die extrem relaxte Atmosphäre. Es ist eine kleine Stadt und irgendwie kennt jeder jeden. Man trifft sich oft, unternimmt Dinge und jeder scheint gut gelaunt. Tofino ist einfach ein Happy Place, vielleicht nicht die wirklich wahre Welt, aber als Ort für mich als Work and Traveller perfekt.

 

w&t/magazin: Wie lange wirst du noch hier bleiben und was sind deine Pläne für die Zeit danach?

Alejandro: Mein Visum läuft noch bis November aber ich werde wahrscheinlich schon im September nach Spanien zurückkehren. Trotz der guten Zeit hier, vermisse ich meine Freundin und meine Freunde zu hause. Ich werde mich dann erst mal nach einem Job umschauen und dann ein bisschen mein eigenes Land bereisen. Irgendwann möchte ich dann noch einen längeren Trip durch Asien machen.

 

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Seit er sich erinnern kann, ist Philipp mit dem Virus Wanderlust infiziert. Schon während der Schulzeit hat er ein Jahr als Austauschschüler im Mittleren Westen der USA verbracht. Nach dem Abitur hielt ihn nicht mehr viel und es ging erneut in die USA um mit seinem Gastbruder das Land zu erkunden. Nach dem Studium in Münster und Malta ging es zunächst für ein halbes Jahr nach Australien. Auf dem Work and Travel Visum zog es ihn quer durch den siebten Kontinent, wo sich der Anteil an Work im Vergleich zu Travel nach eigener Aussage aber eher in Grenzen hielt. Nach gut sechs Jahren in der Marketingbranche war es erneut Zeit auszusteigen. Philipp kündigte und reiste für ein Jahr durch ganz Südostasien. Seine Reise dokumentierte er in Bildern und Reportagen auf seinem Reiseblog ESCapology.eu, welches er auch noch heute weiterführt. Daneben schreibt Philipp für verschiedene Online-Portale und hin und wieder Reisemagazine.

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