Interview mit Philipp: Über die Arbeit in einer chinesischen Schule Über die Besonderheiten Chinas und wie ein Auslandsaufenthalt das Leben verändern kann

| 28. 12. 2016 | 0 Kommentare

Philipp war für einige Monate im Rahmen eines Teach and Travel Programms in China unterwegs. Im Interview mit Jane vom work & travel-Magazin erzählt er von seinen Erfahrungen, den größten Kulturschocks und gibt Experten-Tipps für alle China-Fans.

Philipp am Tiananmen Platz in China

w&t/magazin: Philipp, du warst für längere Zeit in China. Wie bist du darauf gekommen? Warum China?

Philipp: Die Idee nach China zu gehen entstand bei mir während meines letzten Schulhalbjahres in der Oberstufe. Zu diesem Zeitpunkt musste ich mir die Frage stellen, wie es für mich im Leben weitergehen sollte. Mir war zwar klar, dass ich studieren wollte, allerdings hatte ich schon damals den Eindruck, dass meine Welt doch sehr klein und limitiert war. Ich komme aus einem kleinen Ort im Osterzgebirge und auch wenn es dort sehr idyllisch ist, hat mir einfach immer etwas gefehlt.

Ich habe mich dann nach einigen Recherchen im Internet für eine Informationsveranstaltung einer größeren Austauschorganisation angemeldet mit dem Hintergedanken, dass ich nach dem Abitur nach Australien gehen würde. Auf dieser Veranstaltung wurde dann das „Teach and Travel China“-Programm vorgestellt und ich war sofort begeistert. Nach China zu reisen reizte mich besonders, da es mir zu diesem Zeitpunkt noch so fremd war und mir daher so exotisch erschien. Ich dachte mir. dass ich dort die Möglichkeit hätte eine ganz andere Kultur und Sprache kennenzulernen und mich persönlich weiterzuentwickeln. Ich denke, dass ich an diesem Punkt erkannt habe, was mir in meiner Heimat doch immer gefehlt hat: Eine echte Herausforderung für mich und eine große Portion Abenteuer.

w&t/magazin: Was hast du vor Ort genau gemacht und wo hast du dich über diese Auslandszeit vorab informiert?

Philipp: Ich habe in China zunächst für sechs Monate an einem „Teach and Travel“-Programm teilgenommen und danach ein halbes Jahr an einer chinesischen Universität einen Chinesischsprachkurs belegt.

Über das „Teach and Travel“-Programm habe ich mich vorab im Internet informiert und mich letztendlich bei einer Austauschorganisation dafür beworben. Nach einem erfolgreich bestandenen Eignungstest (hier wurden meine Englischkenntnisse überprüft und wie ich mit Problemsituationen umgehe) war ich dann offizieller Programmteilnehmer.

Am Tag vor der Abreise nach Peking habe ich in Frankfurt die anderen Programmteilnehmer kennengelernt und wir hatten noch ein gemeinsames Vorbereitungsseminar. Wobei man sich auf ein solches Erlebnis wie das Teach and Travel-Programm wohl kaum vorbereiten kann.

In Peking habe ich dann mit den deutschen und weiteren internationalen Teilnehmern an einem einmonatigen Vorbereitungskurs teilgenommen. Wir hatten an fünf Tagen der Woche Unterricht und haben die Grundlagen des Unterrichtens gelernt. Am Ende dieser Phase haben wir dann das TEFL („Teaching English as a Foreign Language“) -Zertifikat erhalten.

Anschließend wurden wir einzeln oder in Gruppen in alle Regionen des Landes entsandt. Ich fand mich letztendlich im zentralchinesischen Chongqing wieder und habe hier an einer Grundschule sowie einer Middle und High School Englisch unterrichtet.

Über meinen anschließenden Chinesischkurs habe ich mich gegen Ende meiner Zeit in Chongqing informiert. Ich habe im Internet Universitäten recherchiert, die halbjährige Chinesischkurse anbieten und die in einer für mich interessanten Region liegen. Letztendlich bin ich dann im nordchinesischen Tianjin gelandet. Dort habe ich mit anderen internationalen Studenten in einem Wohnheim gelebt an einem Chinesischkurs teilgenommen und das ganz sich von meinem Leben in Zentralchina sehr unterschiedliche Leben im Norden des Landes kennengelernt.

w&t/magazin: Was hat dir vor Ort besonders gut gefallen? Was nicht so gut?

Philipp: Besonders gut erinnere ich mich an meinen ersten Monat in Peking: Es waren minus 15 Grad, es wehte ein extrem starker Wind und selbst das Gesicht muss bedeckt werden, da sonst durch den eiskalten Wind auf der Haut kleine Schrammen entstehen. Die Chinesen heizen in Peking in erster Linie mit Kohleöfen und die Straßen haben zum einen nach glühender Kohle und nach typisch chinesischen Gerichten, die auf der Straße verkauft werden, gerochen. Diese ganz besondere Atmosphäre sowie die Mischung aus Tradition mit den alten Steinhäusern (Hutongs) und auf der anderen Seite den modernen Hochhauskomplexen, den Neonreklamen und der hochmodernen U-Bahn, was einem das Gefühl gibt in der Zukunft zu leben, haben mich besonders beeindruckt.

Eher negativ war für mich allerdings im Besonderen die starke Umweltverschmutzung. In meinem ersten Monat in Peking ist die mir gar nicht so sehr aufgefallen, dafür aber umso mehr während meiner Zeit in Chongqing. Die Stadt hat die Form eines Kessels, wodurch sich die verschmutzte Luft über der Stadt sammelt und nur selten abziehen kann. Da es in Chongqing im Sommer bis zu 45 Grad Celsius heiß werden kann und die Sonne doch fast immer hinter der schmutzigen Luft verschwindet, habe ich dort unter extremer Hitze und oft tagelang ohne direktes Sonnenlicht verbracht. Der viele Dreck auf den Straßen und die schwierigen hygienischen Rahmenbedingungen haben das Leben dort zusätzlich erschwert. Hinzu kam noch, dass es dort nur wenige Ausländer gibt und ich wirklich überall angeschaut wurde oder Menschen, teilweise ohne mich vorher zu fragen, Fotos von mir gemacht haben. Ich konnte mich nicht wirklich frei bewegen und bin überall aufgefallen. Am Anfang fühlt man sich noch ein wenig wie ein Rockstar, wenn man angesprochen oder fotografiert wird. Nachdem ich jedoch länger in Chongqing gelebt habe, war es doch sehr belastend. Durch meine Freunde und die vielen tollen Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, ist mir Chongqing dennoch in guter Erinnerung geblieben.

Rückblickend kann ich sagen, dass meine positiven Erfahrungen in China überwiegen. Nach wie vor bin ich beeindruckt, wenn ich Tempelanlagen oder die Große Mauer besuche. Wenn ich bedenke, wie viel Geschichte hinter all diesen Bauwerken und Anlagen steckt, bin ich immer wieder fasziniert. Zudem herrscht in Peking eine sehr internationale Atmosphäre und die Pekinger sind inzwischen an den Anblick eines Ausländers gewöhnt. Ich werde zwar hin und wieder immer noch nach einem Foto gefragt, aber wenn das nur selten vorkommt, ist es doch immer noch schmeichelhaft.

w&t/magazin: Auf was sollten junge Chinareisende deiner Meinung nach besonders achten?

Philipp: Es gibt einige Grundregeln, die einem das Leben und Reisen in China sehr erleichtern können. Ich habe mir damals oft gewünscht das ein oder andere schon vorher gewusst zu haben.

Das Wichtigste bei einer langen Reise durch China ist natürlich erst einmal die Erhaltung der eigenen Gesundheit! Wer will schon tagelang das Hostelbett hüten müssen? Die wichtigste Regel ist an dieser Stelle auf keinen Fall (!) Leitungswasser zu trinken. Dieses Wasser ist kein Trinkwasser und die Keime darin können schwere Krankheiten verursachen. Deshalb ist es auch empfehlenswert sich die Zähne besser mit Wasser aus Flaschen als mit Leitungswasser zu putzen.

Wer bereits in China war, kennt die vielen kleinen Nudelküchen am Straßenrand und die tollen Essensstände, die meist in den Abendstunden erst auf der Straße erscheinen und das Leben am Abend und in der Nacht in China prägen. Ich kann nur empfehlen sich überall durchzuprobieren – es gibt eigentlich immer etwas Neues zu entdecken! Allerdings sollte darauf geachtet werden an Orten, an denen Speisen günstig verkauft werden, lieber kein Fleisch und auf keinen Fall Fisch zu verzehren. Ich war nicht der einzige, der immer mal wieder durch diesen Fehler über Tage hinweg sehr krank war. Wer während seiner Chinareise nicht auf Fleisch und Fisch verzichten möchte, sollte daher lieber in „teureren“ Restaurants speisen, in denen eine Mahlzeit einige Euro kostet. Wer schon länger an einem Ort lebt, kann natürlich auch in bewährten günstigen Nudelküchen essen.

Noch ein letzter wichtiger Tipp von mir: Wer in China unterwegs ist oder lebt, sollte ein hohes Maß an Flexibilität mitbringen und Dinge nicht allzu eng sehen. Mir ist es beispielsweise während meiner Teach and Travel-Zeit sehr oft passiert, dass ich kurzfristig angerufen wurde oder sogar jemand von meiner Schule vor meiner Wohnungstür stand und ich aufgefordert wurde sofort zur meiner (oder einer anderen) Schule mitzukommen und zu unterrichten. Solche Dinge strapazieren zwar die Nerven, wer sich allerdings auf diese chinesische Besonderheit einlässt und jede Herausforderung annimmt, kann daran enorm wachsen.

w&t/magazin: Was waren die größten Kulturschocks für dich?

Philipp: Im Grunde war China für mich ein einziger Kulturschock. Alles war neu, anders und aufregend. Überall sind viele Leute, viel Lärm und es gibt immer Trubel. In meinem ersten Monat in China war beispielsweise gerade das Frühlingsfest (Chinesisches Neujahr). Überall auf der Straße verkaufen Händler dann vor dem Fest ihr Feuerwerk. Dabei werden Feuerwerkskörper wie wir sie kennen, aber auch Feuerwerksbatterien verkauft, die es bei uns nur für professionelle Pyrotechniker geben würde. Und viele Chinesen scheuen sich auch nicht davor diese direkt in ihrer Wohnsiedlung zu zünden.

Daneben war für mich am Anfang auch etwas befremdlich, dass viele Leute sich nicht in einer Warteschlange anstellen, sondern wild gedrängelt wird und der Stärkere als erstes durchkommt (unterschätzt aber bitte nicht die physische und mentale Stärke von chinesischen älteren Damen! Die stehen in den Warteschlangen nicht ohne Grund meistens ganz vorne). Auch dass viele Leute einfach auf die Straße spucken, ungeachtet davon wo sie sich befinden oder wer neben ihnen steht, hat mich sehr überrascht.

Das sind die Dinge, an die ich mich nur schwer gewöhnen konnte. Andere chinesische Besonderheiten vermisse ich jedoch in Deutschland: Zum Beispiel das Feilschen mit Händlern auf der Straße. Mir als Ausländer wird natürlich immer ein viel zu hoher Preis angeboten. Wer weiß, wie in China gehandelt wird, kann dabei viel Spaß haben und echte Schnäppchen machen! Zudem vermisse ich das typische scharfe Essen aus Chongqing. Als zum ersten Mal ein Teller mit einem großen Haufen Chilis darauf und einigen kleinen Fleischstückchen darunter versteckt vor mir auf dem Tisch stand, war ich damals schon etwas irritiert. Während des Essens liefen mir aufgrund der Schärfe teilweise Tränen aus den Augen und mein Kopf wurde knallrot. Wenn ich heute in Deutschland bin, fehlt mir dieses traditionelle Essen, an das ich mich mittlerweile gewöhnt habe, aber doch sehr.

w&t/magazin: Deine 5 Geheimtipps für China-Traveller?

Philipp: Ich habe in China sehr viele Orte bereist und jeder verfügt über seine ganz eigenen kulturellen und kulinarischen Besonderheiten.

1Ich würde Chinareisenden in jedem Fall einen Abstecher in das zentralchinesische Chengdu empfehlen. Hier kann der authentische „Hot Pot“ und das legendäre „Mapo Tofu“ nach Originalrezept probiert werden. Diese Gerichte sind mittlerweile in ganz China beliebt, aber nur in Zentralchina werden sie wirklich authentisch zubereitet. Zudem gibt es in Chengdu eine wirklich schöne Altstadt, Rikschas, Teehäuser und das weltberühmte Pandareservat. Ich würde zudem empfehlen, sich vor einem Besuch im Reservat zu erkundigen, wann die Pandas wahrscheinlich wach sind. Da diese possierlichen Tierchen leider fast den ganzen Tag und die ganze Nacht über schlafen und nur kurz zum Fressen wach sind, wäre es schade, wenn gerade die Stunde verpasst wird, in der sie aktiv sind.

2Wer neu in China ist und sich noch nicht in die kleinen Nudelküchen am Straßenrand traut, dem kann ich „Food Courts“ in den großen Einkaufszentren empfehlen. Hier wird in der Regel frisch gekocht, die hygienischen Standards sind sehr hoch und es kann aus einer Vielzahl landestypischer (und manchmal auch ausländischer) Gerichte ausgewählt werden. Die Preise sind natürlich höher als in den Garküchen, aber im Vergleich zu europäischen Restaurantpreisen immer noch sehr günstig.

3Während der Rush-Hour am frühen Morgen oder späten Nachmittag sollte besser kein Taxi genommen werden. Taxen bleiben, so wie andere Autos, schnell im Stau stecken und die Fahrt wird zu einer echten Geduldsprobe. Viel besser ist es an dieser Stelle die U-Bahn zu nehmen. Die ist nicht nur viel günstiger als ein Taxi, sondern zudem hochmodern, schnell und damit perfekt für das Überwinden großer Distanzen in kurzer Zeit. Besonders im Sommer ist die gute Klimatisierung der U-Bahnen nicht zu unterschätzen.

4China ist zu jeder Jahreszeit eine Reise wert. Es gibt allerdings einige Tage im Jahr an denen alle (!) Chinesen verreisen und Bahnen, Busse und sogar Straßen restlos überfüllt sind. Zu diesen Zeiten gehören die „Golden Weeks“ zur Zeit des Frühlingfestes (Chinesisch Neujahr) und die erste Oktoberwoche sowie der Tag der Arbeit am 1. Mai.

5Vor einer Chinareise empfiehlt es sich unbedingt ein paar Wörter und Floskeln auf Chinesisch zu lernen. Neben Ausdrücken wie „Guten Tag“, „Bitte“ und „Danke“ sollten auch Sätze wie „Was kostet das?“, „Das ist zu teuer.“ und „Machen Sie mir einen günstigeren Preis.“ gelernt werden. In China gehört es zum Tagesgeschäft auf der Straße um Lebensmittel, Kleidung, DVDs u.v.m. zu handeln. Da sind diese Sätze Gold wert.

w&t/magazin: Hat dir deine Zeit in China für deine Zukunft geholfen? Wenn ja, inwiefern? Wie hast du dich weiterentwickelt und was bringt dein China-Aufenthalt in Hinblick auf deine Karriere?

Philipp: Ich würde sagen, dass mein erstes Chinajahr mich sehr verändert hat. Die Erfahrungen, die ich in China machen dürfte, haben meinen Horizont erweitert und meine Sichtweise auf mein eigenes Leben, das Leben in Deutschland und auf andere Menschen und Kulturen sehr geprägt. Ich sehe vieles nun wesentlich gelassener als früher, habe eine höhere Sensibilität gegenüber anderen Menschen und Kulturen entwickelt und schätze vieles in meinem Alltag wesentlich mehr als vor meiner Reise. Früher habe ich mein Leben in Deutschland als selbstverständlich hingenommen. Jetzt weiß ich allerdings, dass der Wohlstand, in dem wir leben dürfen, alles andere als normal ist. Außerdem, würde ich sagen, hat mich mein Aufenthalt in China wesentlich selbstbewusster gemacht.

In China habe ich meine Freundin kennengelernt, mit der ich noch immer zusammen bin, ich habe aufgrund meines Aufenthaltes meinen Studiengang (Chinesisch/ BWL) und Studienort gewählt und werde auch nach meinem Studium im Chinabereich tätig sein. Wer weiß, was sich dann noch alles ergibt.

Ohne diese Reise hätte ich sicherlich einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Ich bin allerdings froh um jede positive wie auch negative Erfahrung, die ich in China gemacht habe und freue mich auf alles was die Zukunft noch bringt.

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Über den Autor ()

Nicht nur privat, sondern auch aus schulischer Sicht, zog es Jane schon früh ins Ausland. Besondere Aufmerksamkeit schenkte sie dabei vor allem dem europäischen Norden und dem englischsprachigen Ausland. Nach dem Abitur verbrachte sie deshalb direkt ein ganzes Jahr als Au-Pair in einer Gastfamilie in New Canaan, CT (USA). Im Anschluss studierte sie Anglistik und Germanistik in Düsseldorf. Geplagt vom Fernweh und dem ständigen Wunsch nach Abwechslung begann sie im Sommer 2012 die spanische Sprache zu lernen, da sie mehrere Länder in Südamerika bereisen möchte. In den letzten Jahren hat sie mehrwöchige Reisen nach Vietnam & Australien unternommen. Die Mitarbeit bei der INITIATIVE auslandszeit ermöglicht ihr die tägliche Auseinandersetzung mit spannenden Auslandszeiten und den verschiedensten Erfahrungen von Reisenden oder denen, die es noch werden wollen. Neben der Reiselust gehören Reiten, Joggen, Skifahren, Kochen und Fotografie zu ihren großen Leidenschaften.

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