„Mit Süßigkeiten kann man Pluspunkte bei Japanern sammeln

| 28. 12. 2013 | 0 Kommentare

“Work and Travel in Japan: Erwin Jakob im Interview

Eigentlich wollte Erwin aus dem rheinland-pfälzischen Mayen in Japan für ein Jahr „Work und Travel“ in Japan machen, deshalb ist er seit August in dem Land. Da sein Japanisch aber noch nicht so gut war, bekam er keine richtigen Jobs, sondern hat sich mit Wwoofen auf Bauernhöfen durchgeschlagen. Bereut hat er seinen Entschluss, nach Japan zu gehen trotzdem nicht. Am meisten beeindruckt hat ihn bisher die Kirschblüte, die er in Tokio erleben durfte.

„Jetzt oder nie!“

Tokio_Kirschbluete

Erwin hatte das Glück, die Kirschblüte erleben zu dürfen

Warum hast die Reise zu diesem Zeitpunkt gemacht?
Im Augenblick befinde ich mich zwischen einem Bachelor- und Master-Studiengang. Ich habe vor Reiseantritt meinen Bachelor in Maschinenbau abgeschlossen. Bevor ich mein Studium fortsetze, wollte ich mir etwas Zeit für mich und meinem Traum von Japan nehmen. Ich habe mir gedacht, dass ich nach meinem Master keine Gelegenheit mehr haben werde, mir ein Jahr frei zu nehmen. Das Motto war also: jetzt oder nie!

Hast du dir deinen Aufenthalt selbst organisiert oder bist du mit einer Organisation unterwegs?
Ich habe alles selbst organisiert und reise alleine. Das ist einfacher, als ich es mir zu Beginn vorgestellt habe, ein paar Flüge und Unterkunft zu reservieren, sind keine große Sache.

Wie lange im Vorfeld hast du dich darauf vorbereitet? War das so passend?
Die Entscheidung, Work and Travel in Japan zu machen, ist mehr als ein Jahr vor Reiseantritt gefallen. Mit den tatsächlichen Vorbereitungen habe ich vier Monate vor Reiseantritt begonnen. Die Zeit war mehr als ausreichend. Die letzten Vorbereitungen habe ich aber noch in der letzten Woche vor Abflug getroffen, zum Beispiel habe ich meinen Wohnsitz in Deutschland abgemeldet, um die Gebühren für die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland zu umgehen. Mein Versicherer hätte mir bei einem Langzeitaufenthalt im Ausland nicht geholfen, weshalb die Beiträge verschwendetes Geld für mich gewesen wären. Natürlich habe ich mich aber mit einer privaten Auslandskrankenversicherung abgesichert.

Wie genau hast du dich vorbereitet?
Flug gebucht, Versicherung abgeschlossen, Visum beantragt, Dinge für die Reise besorgt, (nicht genug) Japanisch gelernt, erste Unterkunft gebucht, mich über Arbeitsgelegenheiten informiert und erste Anfragen über E-Mail versendet – ohne Erfolg.

Warum hast du dich für Japan entschieden?
Japan ist kulturell ein extrem interessantes Land, was mich interessiert.

 „Um Arbeit zu finden, muss man Japanisch können“

Auf was muss man sich einstellen, wenn man in dieses Land reist?
Man ist mit einer total anderen Kultur konfrontiert und diese sollte man akzeptieren können. Zu Beginn ist mir das nicht so stark aufgefallen, mit der Zeit lernt man dann aber die Feinheiten kennen und diese sind für Leute aus dem Westen nicht immer nachvollziehbar.

Erwin_Arbeit

Erwin hilft auf einer Farm bei der Tomatenernte

 

Würdest du sagen, dass ist für jeden etwas? Oder was sollte man für ein Typ sein, um Spaß daran zu haben und gegebenenfalls auch erfolgreich zu sein?
Insbesondere scheint es ja sehr wichtig zu sein, die Sprache gut zu beherrschen, um gute Jobs zu bekommen, wie du ja schon angedeutet hast. Um Arbeit zu finden, ist es auf jeden fall erforderlich, Japanisch zu sprechen. In Japan beginnen die Kinder bereits im Kindergarten damit, Englisch zu lernen. Im Erwachsenenalter spricht allerdings so gut wie niemand mehr Englisch, zumindest nicht gut, selbst Englisch-Lehrer nicht. Ob man mit gutem Japanisch auch „gute“ Jobs findet, kann ich nicht sagen. Besonders in Tokio gibt es ein großes Angebot an アルバイト (gelesen: Arubaito). Dies ist das Wort für alle Art von Aushilfsjobs. Eine solche Stelle zu ergattern, sollte kein Problem darstellen, wenn man Japanisch spricht. Nahezu alle Stellenangebote setzen gutes Japanisch voraus. Ausnahmen sind Stellen als Sprachlehrer. Dafür kommen auch Kandidaten mit schlechtem Japanisch in Frage. Nahezu jeder in Japan möchte Englisch sprechen, um dies zu erreichen, besuchen viele Leute Sprachschulen. Damit ist der Bedarf an Englischlehrern sehr hoch. Das Problem ist, dass die meisten Sprachschulen ausschließlich Muttersprachler einstellen. Deutsch-Muttersprachler haben es entsprechend schwer, an solche Stellen zu kommen, aber es ist nicht unmöglich. Darüber hinaus ist Japan ein sehr teures Land. Reisewillige sollten auf kleine Räume und hohe Mieten gefasst sein. Ich selbst habe in Tokio einige Zeit auf vier Quadratmeter gewohnt für umgerechnet 300 Euro (Stand September 2012) im Monat. Dies ist bereits ein sehr guter Preis. Normal sind 500 Euro aufwärts. Japan ist meiner Ansicht nach auch das falsche Land, um Party zu machen. Sicher kann man besonders in Tokio eine Vielzahl von Nachtclubs finden, allerdings sind auch diese ungeheuer teuer.

Würdest du dich jetzt wieder genauso entscheiden?
Ja, aber ich hätte vorher mehr Japanisch gelernt.

Hast du deinen Plan beibehalten oder musstest du ihn vor Ort anpassen?
Da ich bei der Arbeitssuche erfolglos war und meine Ersparnisse begrenzt sind, musste ich eine Lösung für mein Problem finden. Ich habe dann Wwoofing gemacht, kurz: Ich habe für Unterkunft und Verflegung, aber ohne Entlohnung in Form von Geld auf Bauernhöfen in Japan, gearbeitet. Das hatte seine Vor- und Nachtteile.

Man erlebt auf diese Art eine sehr japanische Erfahrung, da man in der Regel mit einer japanischen Familie zusammen lebt. Das ist auf der einen Seite perfekt, um etwas über Japan und die Sprache zu lernen. Auf der anderen Seite befindet man sich meistens in ländlichen Gegenden fernab von allen großen Städten und manchmal auch vom Internet.

Was war bisher die beste/schlimmste Erfahrung, die du gemacht hast?
Meine besten Erfahrungen waren, den Sonnenaufgang vom Gipfel des Fuji-san zu erleben und die Kirschblüte im Frühling zu sehen. Sicher hatte ich auch schlechte Erfahrungen gemacht in meiner Zeit in Japan, allerdings waren diese eher privater Natur und haben nicht direkt etwas mit dem Land zu tun.

Welches war die lustigste Vokabel, die du unterwegs gelernt hast?
うんち (gesprochen: unchi), was Scheiße in Kindersprache bedeutet. Das Wort an sich ist nicht wirklich lustig, allerdings war es die Situation, in der ich es gelernt habe.

„Mitdenken ist nicht gefragt“

Wie unterscheidet sich das Arbeits(-Leben) von dem hierzulande?
In den meisten Fällen ist das Tragen einer Uniform Pflicht. Ob es nun eine firmeneigene Uniform ist oder ein Anzug. Man sieht selten jemand in Alltagskleidung arbeiten. Außerdem wird es nicht gerne gesehen, mitzudenken. Für alle Aufgaben gibt es eine Art, sie zu erledigen und man hat sich daran zu halten. Weicht man davon ab, wird man darauf hingewiesen und darum gebeten, sich an den Ablauf zu halten. Das kann sehr ermüdend sein. Man könnte es mit dem Wehrdienst vergleichen. Nicht mitdenken, einfach tun, was der Vorgesetzte sagt.

Erwin_Schwert

Erwin mit einem japanischen Samuraischwert

Was brauchtest du dafür für Voraussetzungen?
Man muss Akzeptanz für diese Art der Arbeit mitbringen.

Wie bist du an deine Jobs gekommen?
Kontakte. Der größte Teil der Arbeitsvermittlung funktioniert in Japan über Kontakte. Es ist extrem wichtig, viele Leute zu kennen, um über sie vielleicht an Arbeit zu kommen.

Welche Tipps würdest du anderen geben, die Ähnliches vorhaben?
Ihr solltet Japanisch sprechen können. Könnt ihr es nicht und wollt es vor Ort lernen, dann stellt sicher, dass ihr über ausreichende finanzielle Mittel verfügt um Unterkunft, Verpflegung, Transport und wohlmöglich Sprachschule für einige Monate bezahlen zu können, ohne auf Arbeit angewiesen zu sein. Ich rede hier von einer großen Menge Geld.

Was sollte man unbedingt im Reisegepäck haben und was ist absolut überflüssig?
Japan hat keine besonderen Anforderungen. Man sollte wissen, dass der Sommer extrem heiß und feucht ist, außer in Hokkaido. Der Winter ist nicht sehr kalt, allerdings heizen Japaner ihre Häuser nicht gut, dann ist es also auch im Haus kalt, mit Ausnahme von Hokkaido.

In Japan ist es Brauch, bei einer Reise Geschenke mit zu bringen. Besonders beliebt sind Süßigkeiten oder Lebensmittel. Ein Reisender aus Deutschland kann Pluspunkte mit Haribo, Lindt-Schokolade oder Fererro Rocher im Gepäck sammeln. Das kann man zwar auch in Japan kaufen, ist allerdings unglaublich teuer und die Portionen sind klein. Lakritze sollte man allerdings nicht verschenken. Die meisten Japaner finden den Geschmack widerlich.

Was nimmst du von deiner Reise für die Zukunft mit?
Das kann ich nicht so genau sagen. Ich denke, durch diese Reise eigenständiger geworden zu sein und an Selbstbewusstsein gewonnen zu haben.

Wie gut konntest du vorher Japanisch und wie gut kannst du es jetzt?
Vorher konnte ich nur einige Worte, die ich allerdings nicht zu Sätzen zusammenfügen konnte, nun kann ich mich in den meisten Situationen verständlich machen, ein richtiges Gespräch kann ich allerdings immer noch nicht halten.

Ihr wollte Erwins Aufenthalt in Japan weiter verfolgen? Schaut einfach auf seinem Blog vorbei: http://aufnachjapan.blogspot.de Oder auf Youtube: http://www.youtube.com/user/Battosai87/videos

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Kategorie: Berichte & Interviews, Interviews, Work & Travel

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Über den Autor ()

Simone Zettier, hat an der TU Dortmund Journalistik und Amerikanistik studiert und mithilfe eines Tennisstipendiums ein Auslandssemester an der University of New Orleans/Louisiana eingelegt. Ihr Volontariat hat sie bei der "Glocke" (Oelde) absolviert und arbeitet seitdem als Freie Journalistin für diverse Portale, Magazine und Zeitungen. Ihre Schwerpunkte sind "Wege ins Ausland", studentische Themen, Sport sowie "Stars und Sternchen". Privat wird sie ständig von Fernweh angetrieben - ihr Vater war Seemann - und reist daher so viel wie möglich. Lieblingsland: Israel, Lieblingsstadt: Barcelona, Lieblingsort: Foz do Iguacu (Brasilien)

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