Fabian Linge über Work & Travel im Interview: DIY-Lifestyle in Australien

| 22. 11. 2013 | 1 Kommentar

 Foto: Fabian im Stirling Range Nationalpark im westlichen AustralienDer heute 33-jährige Fabian Linge aus Hamburg brauchte nach seinem Studium erst einmal eine Auszeit. Er entschied sie dafür, eine einjährige Weltreise zu machen, Australien sollte eine Station sein. Dort wollte er Work und Travel machen. Da er aber nirgendwo unabhängige Informationen finden konnte, setzte er kurzerhand seinen eigenen Blog zum Thema auf, der sich mit mittlerweile 100.000 Besuchen im Monat zum erfolgreichsten seiner Art entwickelte.

Eigentlich sollte Australien ja nur eine Station deiner Weltreise sein, wie lange lebst du jetzt schon in Perth/Australien?
Ich bin seit Februar 2008 hier. Ich habe 1999 Abi gemacht, danach eine dreijährige Ausbildung als Immobilienkaufmann und mich dann entschieden, dass ich zur Uni gehen will und BWL studiert, parallel habe ich während der Uni schon zehn bis 15 Stunden die Woche als Immobilienmakler und –verwalter gearbeitet. 2007 habe ich mein Studium beendet, dann war ich mir nicht sicher, was ich genau machen wollte und wollte mir erst mal ein Jahr Auszeit nehmen und bin Anfang 2008 los geflogen. Ich war während meiner Unizeit schon viel unterwegs in Frankreich, Spanien und Portugal zum Surfen. Da habe ich Leute aus Australien und Neuseeland kennen gelernt, mit denen ich in Kontakt geblieben bin. Da Australien eines der Länder war, wo ich immer schon einmal hin wollte, und wo man sehr gut surfen gehen kann, war das immer schon auf meiner Liste. Ich bin dann über Amerika, Hawaii nach Australien gereist, zwischendurch ging es noch einmal für zwei Monate nach Neuseeland. Eigentlich wollte ich Anfang 2009 wieder in Deutschland ankommen, habe mich dann aber entschieden, hier zu bleiben.

„Es gab keinen Grund, nicht hier zu bleiben“

Gab es einen bestimmten Anlass, dann zu bleiben?
Ich bin damals eigentlich mit dem Gefühl weggegangen, dass ich wiederkomme. Ich hatte ja auch ein Round-the-World-Ticket mit einem Flug zurück nach Hamburg gebucht. Es war mir aber bewusst, dass ich, falls irgendeinen Fleck finden würde, wo ich mich besonders wohl fühle, das eine Option wäre, dort zu bleiben. Das war mehr oder weniger Australien. Mir hat es so gut gefallen hier. Die Leute sind so nett und freundlich, die Landschaft ist schön und surfen kann man überall. Es gab keinen Grund für mich – mit Ausnahme meiner Freunde und meiner Familie – nicht hier zu bleiben. Das mit dem Visum war natürlich nicht ganz einfach, aber es gibt ja immer Mittel und Wege, wenn man lange genug sucht.

Du hast also jetzt schon ein länger gültiges Visum?
Am Anfang war ich wie alle mit dem Working Holiday Visum hier, für das zweite Jahr habe ich dann das zweite Working Holiday Visum beantragt, habe dann hier studiert und hatte ein Studentenvisum. Meine Freundin macht gerade ihre Doktorarbeit, sie hat ebenfalls ein Studentenvisum, das ich mitnutzen kann. Wenn das denn geschafft ist, können wir eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung beantragen. In Australien ist es so, wenn man die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung hat und mindestens seit vier Jahren ununterbrochen im land gelebt hat, kann man sofort die Staatsangehörigkeit beantragen, das heißt, wir können dann auch sofort einen australischen Reisepass beantragen. Das ist dann nächstes Jahr der Fall.

Also hast du jetzt erst einmal vor, dort längerfristig zu bleiben?
Ja, aber nichts ist für immer. Es kann aber auch sein, dass ich in einem Jahr sage, ich will wieder in Europa leben. Man weiß nie, aber momentan sieht es nicht danach aus. Aber ich habe jetzt die Option, hier zu bleiben, oder nach Europa zu gehen, wie es einem gerade gefällt.

Was ist neben dem Surfen der Reiz an Australien?
Der ganze Lifestyle hier ist total anders als in Deutschland. Die Leute sind viel offener und entspannter und es ist weniger stressig. Ich glaube auch, das Wetter macht einen riesigen Unterschied. Ich komme aus Hamburg, da ist ja fast immer Regen. Wenn die Sonne scheint, ist die Stimmung ganz anders. Das spürt man auch in der Stadt, wenn man Leute trifft, die einem Hallo sagen, oder als Reisender auf eine Landkarte guckt, wenn einem sofort Hilfe angeboten wird. Hier in Australien ist es einfach mehr mein Style, ich vermisse hier nur das Schwarzbrot. Aufgrund des anderen Lebensstils sind hier Dinge, die in Deutschland Gang und Gäbe sind, nicht so üblich, wie Pünktlichkeit oder eine vernünftige Auskunft auf dem Amt zu bekommen. Das ist hier schon schwieriger und kann manchmal etwas länger dauern. Es ist alles eine Sache der Balance, auf der einen Seite ist es gut, auf aber der anderen Seite, hat es seine Schattenseiten.

Ist das beim Work und Travel manchmal ein Hindernis?
Überhaupt nicht, weil man damit eigentlich wenig zu tun hat. Die meisten Jobs, die man beim Work und Travel macht, sind entweder Fruitpicking, in der Bar arbeiten, im Café oder im Supermarkt. Die beste Möglichkeit, solche Jobs zu finden, ist, sich direkt vor Ort vorzustellen. Man schreibt also keine Mail und vereinbart kein Treffen, sondern geht direkt hin, gibt seinen Lebenslauf ab und hat ein Gespräch mit den Leuten vor Ort. Wenn man eine Frage zum Visum hat, gibt es eine Hotline vom Department of Immigration and Citizenchip und da kann es sein, dass man an einem Tag eine Auskunft bekommt und am nächsten Tag eine andere. Da hat man manchmal das Problem.

Was ist denn noch wichtig für die Jobsuche vor Ort als Work und Traveller?
Die Leute machen sich im viel zu viele Gedanken um die Jobsuche, ich kenne das ja auch. Von Deutschland aus kann man eigentlich noch gar nichts machen, bei den meisten Jobs muss man vor Ort sein. Die Arbeitgeber setzen eine Anzeige in die Zeitung oder ins Internet und wer morgen vor der Tür steht, bekommt den Job.

Also läuft die Jobvergabe sehr spontan ab?
Ja, es gibt manchmal Jobs, die schon frühzeitiger angeboten werden, speziell, wenn man auf Erntearbeit aus ist. Es gibt halt gewisse Erntegebiete, wo man im Voraus weiß, dass im Mai Erntezeit ist. Dann werden im Mai 100 Leute gebraucht, die das Feld abräumen.

Im Moment wird Australien ja gerade von deutschen Backpackern überschwemmt und es ist wohl verdammt schwer, überhaupt Jobs zu bekommen. Bekommst du das mit?
Ja, von mehreren Seiten, einmal von Leuten, die mir E-Mails schreiben und von Freunden, aber ich noch von keinen gesehen, der keinen Job gefunden hat. Ich bin auch eher der optimistische Typ, kann sein, dass ich das übersehe. Ich kann aus meiner Sicht auf jeden Fall nicht sagen, dass es schwieriger geworden ist.

„Backpacker haben außerhalb der Großstädte die größten Chancen auf einen Job oder in Perth“

Es soll wohl vor allem in Sydney und Melbourne Probleme geben…
Das kann ich verstehen. Das ist der Fehler der meisten Leute. 80 Prozent aller deutsche Backpacker kommen wahrscheinlich in Sydney an und müssen da nach Jobs suchen. Wenn man in einer Stadt arbeiten will, ist Perth aufgrund des Mining-Booms am besten geeignet.  Die Arbeitslosenquote hier liegt unter drei Prozent. Ich aber würde grundsätzlich sagen, dass Backpacker die größten Jobchancen außerhalb der Großstädte haben.

Aber ein Job ist bei den Lebenshaltungskosten ja eigentlich zwingend notwendig…
Das unterschätzen glaube ich auch viele Work und Traveller, die sind hier schon extrem. Am Anfang habe ich für zwei Zimmer hier 300 Dollar die Woche bezahlt. Auch die Preise im Supermarkt sind deutlich höher. Dafür kann man auch als Backpacker 20 Dollar die Stunde verdienen. Man verdient mehr Geld, aber man gibt auch mehr aus.

Was war bisher dein schönstes Erlebnis?
Ich habe meine Freundin kennen gelernt, und zwar auf einer 100.000 Hektar großen Farm mit Kühen und Schafen in Kalbarri, 600 Kilometer nördlich von Perth. Da haben wir beide wwoofen gemacht, sind mit dem Traktor durch die Gegend gefahren, haben Heu eingesammelt, Zäune eingesetzt und abgebaut, haben wilde Kängurus geschossen und auch gegessen. Das ist schon ein cooles Erlebnis, wenn du so in der Wildnis bist. Das ist ein Gefühl von Wild Wild West. Zudem ist dort auch ein guter Surfspot.

Gab es auch ein nicht so Schönes?
Ich hatte ein Erlebnis, das aber zum Glück gut ausgegangen ist, aber ich habe erst eine Woche schwitzen müssen, als ich ein Auto in Sydney/New South Wales gekauft habe. Dieses war aber in Queensland zugelassen. Grundsätzlich ist es hier oft so, anderer Bundesstaat, andere Sitten und oft auch andere Gesetze. Wenn man ein Auto kauft, was nicht in dem Bundesstaat zugelassen ist, wo man es kauft, kann es durchaus zu Problemen kommen, weil man normal ein „Road worthy certificate“ braucht, was so etwas wie ein TÜV Test ist. Also musste ich dann erst einmal nach Queensland, um das Auto umschreiben zu lassen. Aber das wusste ich ja vorher nicht. Erst hatte ich gedacht, ich hatte die 5000 Dollar für ein Auto ausgegeben, das ich nicht auf mich umschreiben lassen kann.

Du hast work-and-travel-australien.com eine Blog aufgelegt, der sich an Work und Traveller mit Ziel Australien richtet, wann war das? Gab es dir damals zu wenige Informationen zu diesem Thema?
Die Seite gibt es seit Ende 2009. Ja, denn als ich mich damals darauf vorbereitet hatte, war ich ein bisschen enttäuscht, weil man im Internet um die ganzen Work-und-Travel-Organisationen nicht herumkam. Für mich kam das nicht infrage, weil ich nicht so ein richtiges Work und Travel gemacht habe. Ich habe ja eine Art Weltreise mit Fokus auf Australien gemacht, zudem hatte ich relativ viel Geld gespart. Ich musste erst sechs Monate, nachdem ich weggeflogen bin, nach einem Job gucken. Ich war also nicht der typische Work und Traveller. Da ich auch vorher viel im Ausland war, war ich an den Backpacking-Paketen nicht interessiert, mich hat es nur genervt, dass ich nicht die Informationen gefunden habe, die gesucht habe. Dann habe ich mir gedacht, dann mache ich selbst einen Blog und schreibe, was ich gemacht, wo ich die besten Infos gefunden, wie ich meinen Flug gebucht habe. Wie es sich herausgestellt hat, gab es etliche Leute, die genau nach diesen Informationen gesucht haben. Ich finde es cool, dass Leute mir schreiben, dass sie es toll, finden, dass ich diese Infos auf meine Seite gestellt habe, während andere dafür Geld verlangen. Das macht mich schon ein bisschen stolz. Ich freue mich auch, dass meine Seite bei Google für die Google relevanten Keywords fast immer auf eins oder zwei steht.

Aber du macht das nicht hauptberuflich?
Nein, das war ein Hobby von mir, was ich einmal angefangen habe und immer größer geworden ist. Ich habe dann auch noch ein E-Book geschrieben und habe ein paar Videos aufgenommen, in denen ich zum Beispiel erkläre, wie man das Visum beantragt. Nachher wurde das relativ viel Arbeit, weil viele Kommentare, E-Mails und Fragen auf der Seite eingingen. Irgendwann wurde das ein bisschen viel und was man an der Webseite verdient, davon kann man nicht leben. Ich habe mich hier inzwischen selbstständig gemacht und helfe anderen Unternehmen in Perth mit Online-Marketing.

Interview: Simone Zettier

Ihr wollt nach Australien und braucht noch Tipps für euren Work and Travel Aufenthalt, dann lohnt sich ein Blick auf Fabian Linges Blog Workandtravelmag.com und auf seinen Australien-Fachblog work-and-travel-australien.com

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Simone Zettier, hat an der TU Dortmund Journalistik und Amerikanistik studiert und mithilfe eines Tennisstipendiums ein Auslandssemester an der University of New Orleans/Louisiana eingelegt. Ihr Volontariat hat sie bei der "Glocke" (Oelde) absolviert und arbeitet seitdem als Freie Journalistin für diverse Portale, Magazine und Zeitungen. Ihre Schwerpunkte sind "Wege ins Ausland", studentische Themen, Sport sowie "Stars und Sternchen". Privat wird sie ständig von Fernweh angetrieben - ihr Vater war Seemann - und reist daher so viel wie möglich. Lieblingsland: Israel, Lieblingsstadt: Barcelona, Lieblingsort: Foz do Iguacu (Brasilien)

Kommentare (1)

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  1. Avatar Frank sagt:

    Hey Fabian, cool, auch hier von dir zu lesen, hoffe die Sonne in down under scheint dir immer noch aus dem…Gesicht, hang loose und lad‘ uns endlich mal zu dir ein….

    Frank

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