Wann ist die beste Zeit für eine Auslandszeit? Recruiting-Experte Arne-Steffen Dehler im Interview!

Nach Abschluss von Schule oder Uni und vor dem Berufseinstieg – mittendrin lauern Fallstricke

Arne-Steffen Dehler im Experten-Interview mit Auslandsjob.de

Arne-Steffen Dehler, selbstständiger Fach- und Führungskräfteberater in Frankfurt am Main, Diplomingenieur, MBA, über 20 Jahre Berufserfahrung in der Personalarbeit. /Foto Th.Chr. Dehler 

 

 „Wer Auslandsaufenthalte wirksam planen will, muss sie bei Zeiten als Teil eines echten Karriereplans ansehen“.

 

Auslandsjob.de: Wie bewerten sie Auslandsaufenthalte bei Bewerbern?

Dehler: Ein Auslandsaufenthalt ist wertvoll, wenn er relevant ist. Bei einem Berufseinsteiger kann es beispielsweise ein Auslandspraktikum, bei einem Schul- oder Hochschulabsolventen ein Jahr Work and Travel im englischsprachigen Ausland sein. Eine Auslandszeit festigt für gewöhnlich die Englischkenntnisse so gut, dass man für das gesamte Berufsleben Meilensteine setzen kann. Das wirkt sich sofort bei einer Bewerbung auf den ersten Job aus. Außerdem öffnet man sich in der Regel durch einen Auslandsaufenthalt für das Leben und das wirkt sich auf das persönliche Verhalten und das Selbstbewusstsein schon während der Bewerbungsphase aus. Dann wirkt man nicht mehr als ‚kleine/r Schüler/in‘, sondern tritt mit einer etwas größeren Reife Firmen gegenüber auf. Allerdings sollte bei einem berufserfahrenen Bewerber der Auslandsaufenthalt schon im Zusammenhang stehen mit der beruflichen Position, damit er wirklich gewichtet wird.

Auslandsjob.de: Welche gewonnen Skills aus einem Auslandsaufenthalt schätzen Personalfachleute besonders?

Dehler: Da sind natürlich explizit die guten Fremdsprachenkenntnisse an erster Stelle zu nennen, wenn sie im Job relevant sind. Personalfachleute sind immer sehr einzelfallorientiert. Wenn ein Stellenprofil das Kriterium Auslandserfahrung bedarf, wird es als erfüllt abgehakt, wenn nicht, interessiert es den Personaler nicht sehr.

In den letzten zwei bis drei Jahren erkenne ich den Trend, dass die Softskills deutlich höher bewertet werden als Sprach- oder andere Zertifikate. Wer zeigen kann, dass er sich im Ausland souverän bewegt hat, sich kulturell integriert hat und mit Ausländern zusammen erfolgreich Projekte erarbeitet hat, beweist für den Personaler sehr gute Fähigkeiten. Daher gilt beispielsweise ein bestimmter Sprachtest-Wert nur bei manchen Positionen als relevant.

„Trend: Softskills werden heute von Personalern sehr hoch bewertet.“

Auslandsjob.de: Wann macht aus Ihrer Sicht ein Auslandsaufenthalt Sinn?

Dehler: Bei Bewerbungsgesprächen werden Auslandsaufenthalte immer im Zusammenhang mit der Position aber auch in Konkurrenz zu den Skills anderer Bewerber gesehen. Wenn man Auslandsaufenthalte wirksam planen will, muss man sie bei Zeiten als Teil eines echten Karriereplans ansehen. Aber in der Regel sind vor allem Schul- oder Studienabgänger, vielleicht auch Berufsanfänger, wirklich frei Auslandsaufenthalte zu gestalten. Später im Job ist es oft schwieriger, sich den Freiraum zu schaffen. Dann gestalten sich Auslandsaufenthalte komplizierter, weil sie auch im Wettbewerb zu den Kollegen gesehen werden. Manche Chefs zeigen sich dann vielleicht gar nicht so begeistert, ihre guten Leute ins Auslands zu empfehlen, weil sie lieber selbst von ihren Mitarbeitern profitieren wollen.

Als Berufstätiger sollte man aber immer die innerbetrieblichen Chancen für Auslandseinsätze prüfen. Nach ein bis zwei Jahren in einer Firma hat man genug ‚Stallgeruch‘ und kennt die Abläufe und kann damit im Ausland in Projekten oder auch am dauerhaften Auslandsarbeitsplatz die eigene Qualifikation erhöhen. Aber es kommt auch immer auf die jeweilige Aufgabe im Unternehmen an und wie international das Unternehmen agiert.

Auch beim Jobwechsel kann es sinnvoll sein, sich schwerpunktmäßig bei ausländischen Firmen zu bewerben, um das Thema Internationalität bewusst in den Lebenslauf zu platzieren. Ich habe Klienten, die gerade wegen möglicher Auslandsaufenthalte den Arbeitgeber wechseln, wie beispielweise ein ‚deutsche Ingenieur‘, der sich im Ausland ein paar Meriten holt, um sich nach seiner Rückkehr dann für die weitere Linienkarriere zu empfehlen.

Man darf übrigens nicht vergessen, dass Auslandsaufenthalte, die durch Entsendungen entstehen, auch weiterhin ein dickes Problem in sich tragen, nämlich das Einbrechen des Netzwerks zu Hause. Dies hat häufig einen Karriereknick zur Folge oder ein Übergangen-Werden bei Beförderungen. Oft gehen Expatriates dann auch schnell wieder ins Ausland. Hieran hat sich seit meiner Erfahrung nach in 30 Jahren nicht viel geändert.      

Auslandsjob.de: Gibt es eine Empfehlung für den "idealen" Zeitpunkt für einen Auslandsaufenthalt?

Dehler: Aus meiner Erfahrung gibt es keinen ‚idealen‘ Zeitpunkt, natürlich abgesehen nach einem Lebenseinschnitt wie beispielsweise Work and Travel oder ein Gap-Year nach der Schule, nach der Ausbildung, dem Studium, also vor dem Berufseinstieg. Innerhalb des Berufslebens muss man aktiv nach Chancen Ausschau halten, zumindest, wenn man nicht in einem multinationalen Konzern arbeitet. Wie gesagt: Die Tendenz der Chefs ist ja eher, gute Mitarbeiter nicht ins Ausland zu empfehlen, da sie sie lieber behalten wollen

Auslandsjob.de: Gibt es bestimmte Branchen oder Berufe, wo man mit einem Auslandsaufenthalt auf dem Lebenslauf besonders punkten kann?

Dehler: Leute, die ins Top-Management wollen, können mit Auslandserfahrung immer andere Defizite ein wenig ausgleichen. Vertriebsleute, die im internationalen Markt agieren, können jedenfalls mit weltoffener und kenntnisreicherem Handeln punkten und sich im Vorstellungsgespräch in Szene setzen.

In der Finanzindustrie, im Maschinenbau, im IT-Bereich und in anderen technischen Branchen erwartet man Weltoffenheit. Selbst der 'Tuttlinger Bohrfutterhersteller' kann heute nicht mehr nur im lokalen Markt agieren.

Meiner Erfahrung nach gibt es kaum eine Branche, in der Auslandserfahrung unwichtig ist. Selbst in der Verwaltung, in Lehrberufen und in höheren sozialen Aufgaben nützt sie.

Auslandsjob.de: Legen aus Ihrer Sicht Firmen genügend wert darauf, einen Auslandsaufenthalt, ein Studium oder eine Weiterbildung im Ausland für ihre Mitarbeiter zu fördern? Wenn ja, welchen Nutzen haben Firmen?

Dehler: In den Konzernen werden diese Themen durchaus gut bis sehr gut gefördert, weil sich diese Unternehmen im Kampf um die guten Arbeitskräfte nicht mehr leisten können, hier nichts anzubieten.

Im deutschen Mittelstand ist das meiner Erfahrung nach weiterhin nicht genügend der Fall. Der Fachkräftemangel reduziert hier die Quote an Auslandsversendungen umso mehr.

Auslandsjob.de dankt Arne-Stefen Dehler für seine detaillierten Antworten.

Das Interview führte Beatrix Polgar-Stüwe

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